Die Marmorhand-Illusion: Körperwahrnehmung als Fähnchen im Wind

von Olaf Hartmann am Mittwoch, 15 Oktober 2014. Veröffentlicht in Haptik

Körperwahrnehmung als Rechenleistung unseres GehirnsMenschen bestehen aus Fleisch und Knochen. Daran gibt es nichts zu rütteln und unser Körper signalisiert uns diese Tatsache täglich tausendfach und auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen. Doch ist diese Annahme wirklich verlässlich? Die Marmorhand-Illusion beweist das Gegenteil.

Der Aufbau des Experiments: Die Versuchsperson legt ihre Hand auf eine Tischplatte, wo sie mit leichten und sich wiederholenden Hammerschlägen gereizt wird. Im Hintergrund wird dabei das Geräusch abgespielt, das dann entsteht, wenn man mit dem Hammer auf eine Marmorplatte schlägt.

Der Klang eines Zusammenpralls verrät uns viel über die materielle Beschaffenheit der aufeinanderstoßenden Gegenstände. Es wäre also möglich, dass unser Gehirn die Zusammensetzung unseres Körpers nicht als selbstverständlich hinnimmt, sie ständig hinterfragt und völlig leblose Gegenstände als Teil des eigenen Körpers anerkennt, sofern unsere Sinne uns einen Zusammenhang vorgaukeln.

Die Beobachtung: Unser Körper reagiert auf die Täuschung. Nach etwa fünf Minuten fühlten sich die Hände der Probanden steifer, schwerer, härter, weniger sensibel und unnatürlich an. Dies wurde einerseits durch spontane Äußerungen der Versuchspersonen festgestellt, andererseits durch einen Fragebogen, der vor und nach dem Experiment auszufüllen war. Außerdem zeigten sie erhöhte elektrodermale Aktivitäten, wenn man die Hand aggressiven Stimuli aussetzte.

Das gleiche Experiment wurde mit einer Kontrollgruppe durchgeführt. Dieses Mal wurden die Geräusche allerdings zeitversetzt abgespielt, sodass keine direkte Verbindung zu den Hammerschlägen hergestellt wurde. Und tatsächlich: Die Probanden aus der Kontrollgruppe empfanden ihre Hände weder als steifer noch als härter, weniger sensibel oder unnatürlich.

Doch wie kommt es zu diesem Ergebnis? Anders als unsere Körperhaltung, die ständiger Veränderung unterliegt, bleibt das Material, aus dem sich unser Körper zusammensetzt, stets gleich. Unter normalen Umständen würden unsere Sinne uns also mit ständig gleichen Informationen versorgen und es bestünde kein Bedarf zur andauernden Neuberechnung.

Haptik als Bestandteil unseres Körperempfindens

Um die Welt und den eigenen Körper wahrzunehmen, kombiniert unser Gehirn laufend die unterschiedlichsten Sinnesinformationen, fügt sie zusammen und verknüpft sie mit bereits Erlerntem. So mag man zwar vermuten, dass unser Körper eine starre Masse ist, die keiner andauernden Auspegelung bedarf. Die Realität sieht aber so aus, dass unsere Sinne das Körperbewusstsein ständig neu erleben und erfahren. Haptik spielt in diesem Zusammenhang also ebenfalls eine tragende Rolle.

Und dabei ist unser Gehirn äußerst sensibel. So wurden im Rahmen der Marmorhand-Untersuchung drei unterschiedliche Experimente durchgeführt. Das erste wurde bereits beschrieben. Nun könnte man diesem Vergleich zwischen Synchronität und Asynchronität vorwerfen, dass allein die Kombination aus Hammerschlägen und Geräuschen die genannten Symptome auslöst.

Um diese eventuelle Kritik auszuschließen wurde ein weiteres Experiment durchgeführt, das im Wesentlichen aus dem gleichen Versuchsaufbau besteht. Dieses Mal wurden die Steinschlaggeräusche allerdings durch einen Sinuston mit einer Frequenz von 440 Hertz ersetzt. Dieser ruft keine Assoziationen zu einem realen Material hervor.

Wie erwartet, berichtete keiner der Probanden von einem veränderten Empfinden, weder spontan noch in einem anschließenden Fragebogen. Auch die elektrodermalen Aktivitäten veränderten sich nicht signifikant.

Ein weiterer Kritikpunkt wäre möglich: Was, wenn die Symptome nur durch die leichten Hammerschläge verursacht wurden? Der dritte Versuchsaufbau verzichtete auf sämtliche künstlichen Einspieler und die Versuchspersonen bekamen nur das Geräusch zu hören, das tatsächlich entsteht, wenn man ihre Hand mit leichten Hammerschlägen reizt.

Und wieder: Keine signifikanten Veränderungen. Kombiniert man dieses Ergebnis nun mit dem Resultat aus Experiment 2, so bestätigt sich, dass ein Ton allein nicht ausreicht. Er muss Materialinformationen vermitteln, Assoziationen hervorrufen und an unsere Erfahrung anknüpfen.

Produkte als Körperteil

Die Schlüsse, die man aus diesem Versuch ziehen kann, sind erstaunlich: Das Gehirn verbindet korrelierende Signale miteinander und kann unser Körpergefühl jederzeit updaten. Und betrachtet man den menschlichen Körper genauer, wird auch schnell deutlich, warum das so ist. Wachstum, erschlaffende Muskeln, schwitzige Hände: Das sorgt für ständige Veränderung und zwingt unser Gehirn dazu, laufend neue Informationen zu berechnen.

Die Marmorhand-Illusion treibt diese Erkenntnisse allerdings auf die Spitze und beweist, dass unser Gehirn auch Gegenstände verinnerlicht, die eigentlich nichts mit unserem Körper zu tun haben.

Die Erkenntnisse für das Neuromarketing und die Verkaufsförderung liegen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Hand, denn nichts ist uns näher als der eigene Körper. Schon der US-amerikanische Psychologe Gordon Allport wusste, dass der Körper als Anker unserer Selbstempfindung dient. Und wie könnte die emotionale Bindung zu einem Produkt enger sein, als dass wir es als einen Teil von uns betrachten?

Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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