Haptik als Sozialkitt

von Olaf Hartmann am Mittwoch, 13 Dezember 2017. Veröffentlicht in Haptik

Haptik in sozialen Beziehungen

Zwei Hände berühren sichDer Singleanteil wächst, insbesondere in der Anonymität der Großstädte. Der Arbeitsstress wird auch nicht weniger, dafür aber die Freizeit. Die virtuelle Welt greift um sich und die Großfamilie ist längst auf dem Rückzug: Es gibt viele gute Gründe, warum Kuschelpartys unter Fremden angesagt sind.

Auf dem Wohlfühlprogramm: Haptik als Sozialkitt, liebevolle Umarmungen und Streicheleinheiten, die Geborgenheit vermitteln – behagliches Vergnügen in bequemer Vollbekleidung, erogene Zonen bleiben außen vor.

Ins Leben gerufen wurde die „Cuddle Party“ in New York. Der Sexualtherapeut Reid Mihalko und seine Partnerin, die Beziehungsberaterin Marcia Baczynski, veranstalten seit 2004 Kuscheltreffen, um den im Laufe langjähriger Paarbeziehungen verkümmerten Körperkontakt im Alltag wieder zu intensivieren.

 

Haptik als Sozialkitt: Warum Berührung so wichtig ist

Eine ihrer Schlüsselerkenntnisse: Herzliche Berührungen stärken das Immunsystem und reduzieren den Pegel von Cortisol, auch als Stresshormon bekannt.

Haptik als Sozialkitt: Jeder dritte Deutsche vermisst Umarmungen - so lautet ein Fazit, das Paul Amberg in seiner Dokumentation „Fass mich an .... – Warum Berührung so wichtig ist!“ für die Serie „ZDFzoom“ zieht. Kernfragen seiner Reportage waren: Was passiert, wenn ein Mensch einen anderen berührt? Welche Folgen hat es, wenn die Sehnsucht nach Geborgenheit und Wärme nicht gestillt wird?

 

Ein Endorphinschub sondergleichen

Der Teilnehmer einer sechsstündigen Kuschelparty erklärt Amberg, was ihm die Streicheleinheiten von und für Fremde bringen: „ ... einen Endorphinschub sondergleichen, der einen durch die nächsten Tage trägt.“

Die wissenschaftliche Bestätigung liefert Haptikpionier Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Universität Leipzig, wo u.a. die elektronischen Ströme gemessen werden, die Berührungen im Hirn aktivieren.

Umarmungen oder auch Massagen entsprechen aus wissenschaftlicher Sicht einer „großflächigen Deformation“, die eine Riesenmenge von Hautrezeptoren aktiviert. Diese bündeln sich zu einem „gigantischen, biochemischem Strom“, der das Gehirn motiviert, positiv wirkende Neurotransmitter und Hormone zu produzieren. Sie beruhigen den Herzschlag, entspannen die Muskulatur und mildern Stressgefühle.

 

Ein Stellenwert wie die Luft zum Atmen

Mehr noch: „Unsere Kultur will das oft nicht wahrhaben, aber Berührungen haben für Lebewesen einen Stellenwert wie die Luft zum Atmen“,betont Grunwald. Haptik und Tastsinn sind der Kitt unserer Sozialsysteme, ganz besonders in Zeiten der digitalen Entdinglichung der Welt.

Noch bevor wir das Licht der Welt erblicken, nehmen wir bereits im Mutterleib ab der achten Schwangerschaftswoche zarte Berührungen wahr. Die Geborgenheit der dunklen, anschmiegsamen Kuschelhöhle nehmen wir als Urerfahrung mit in die Welt.

Wie Wissenschaftler mittlerweile herausgefunden haben, besitzen Menschen ein spezielles Meldesystem für sanfte Berührungen>.

Zugleich sind wir Naturtalente, wenn es um Streicheleinheiten geht. Intuitiv wählen wir die Geschwindigkeit, bei der am meisten vom Glückshormon Oxytocin freigesetzt wird.

 

Chronische Berührungsarmut

Doch der natürlichen Begabung zum Trotz leiden wir heute an „chronischer Berührungsarmut“, wie es Uwe Hartmann, Professor für Sexualmedizin, Medizinische Hochschule Hannover, auf den Punkt bringt. Einige der Gründe haben wir zu Beginn aufgeführt.

Eine These, die auch durch Umfragen zum Thema „Was macht Sie glücklich“ bestätigt wird. Der Spitzenreiter: eine Umarmung – je seltener, desto begehrter.

Psychologische Studien demonstrieren u.a., dass die Teilnehmer bei strategischen Spielen mehr zusammenarbeiten, wenn sie sich gegenseitig berühren. Die Angst vor der „fremden“ Gruppe wird gemildert, wenn der Dozent mit einer motivierenden Armbewegung zur Tafel bittet.

 

Die richtige Berührungsdosis im Kundenkontakt

Auch der Kontakt zu Kunden oder Mitarbeitern profitiert von der passenden Berührungsart und -dosis. Denn die Qualität einer sozialen Beziehung definiert sich vor allem über die Haptik. Schon ein Händedruck – seine Stärke, Intensität, Wärme – sagt mehr als 1000 Worte.

Ob anerkennendes Schulterklopfen, ermunterndes Streicheln des Oberarms oder sogar eine herzliche Umarmung – diese emotionalen Gesten gehen unter die Haut. Um keine kontraproduktiven Effekte auslösen, sind natürlich Fingerspitzengefühl und Empathie gefragt. Qualitäten, die immer gefragter und belohnt werden: mit gutem Bauchgefühl, entspannter Atmosphäre, gestärktem Vertrauen, engeren Banden ... beflügelter Zusammenarbeit.

Das Fest der Liebe lässt herzlich grüßen! Schenken Sie ein paar Streicheleinheiten – das bringt auch mehr Wärme ins kühle Geschäftsleben!

 

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Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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