Haptik gegen Magersucht - via Neoprenanzug zur verbesserten Körperwahrnehmung

von Olaf Hartmann am Freitag, 05 Dezember 2014. Veröffentlicht in Haptik

Die Grenzen des Körpers wahrnehmenSie wird grundsätzlich in zwei Typen unterteilt, rund 0,5 bis 1 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen leiden an ihr und sie zählt damit zu den weniger häufigen, aber umso schlimmeren psychischen Störungen. Die Rede ist von Anorexia nervosa besser bekannt als: Magersucht.

Das Krankheitsbild geht oft mit einer Körperschemastörung einher. Die Patientinnen und Patienten definieren sich nicht nur über beruflichen, familiären oder privaten Erfolg, sondern vor allem über die zwanghafte Kontrolle ihres Körpergewichtes. Ihre Wahrnehmung ist diesbezüglich extrem verzerrt, so nehmen sich die Betroffenen trotz ihres Untergewichts als zu dick wahr.

Diese fehlerhafte Körperwahrnehmung ist mit einer Psychotherapie nicht zu beseitigen. Auch die bloße Betrachtung in einem Spiegel bringt nichts, denn die Überzeugung ist tief im Gehirn verankert und es handelt sich um eine ausgeprägte Störung des Tastsinnsystems. An dieser Stelle setzen die jahrzehntelangen Studien des Haptik-Experten und -Pioniers Dr. Martin Grunwald an.

Das Aha-Erlebnis machte sich in einem von Grunwalds Versuchen bemerkbar. In den 1990er Jahren ließ er einige Probanden Tiefenreliefs ertasten, die sie anschließend nachzeichnen sollten. Eine Studentin brachte so verzerrte Bilder zu Papier, dass Grunwald sie zu einem Gespräch einlud. Sie erschien nicht, aber ihre äußere Erscheinung verriet dem Haptik-Experten bereits vorher mehr.

Extremes Untergewicht, flaumiges Haar, fahle Haut - alles deutete auf eine Magersucht hin. Gibt es also einen Zusammenhang zwischen der Wahrnehmungsstörung und der Erkrankung? Grunwald wollte es genauer wissen und entwarf ein weiteres Experiment mit Anorexie-Patienten. Das Ergebnis: Die haptischen Tests stellten sie fast ausnahmslos vor Probleme.

Und noch etwas war auffällig: Der rechte Parietallappen der Patienten war auffallend inaktiv - hier verarbeitet das Gehirn Tastreize und generiert die eigene Körperwahrnehmung. Üblicherweise schicken die Rezeptoren Daten in diese Zentrale, wo sie zu einem sinnvollen Ganzen verarbeitet werden. Dieser Prozess funktioniert bei Anorexie-Patienten aber nicht richtig.

Die Ursachen wurzeln vermutlich in der frühesten Kindheit. Wird ein Neugeborenes beispielsweise zu selten auf den Arm genommen und häufiger sich selbst überlassen, so hat das eine negative Auswirkung auf die Hirnentwicklungsprozesse.

Das kann dazu führen, dass das Kind mit einem mangelhaften Körpergefühl aufwächst und sich später im Erwachsenenalter in seiner Haut nicht wohlfühlt. Ein mögliches Ergebnis: Magersucht. Doch Grunwald entwickelte auf der Grundlage seiner Forschungen eine Therapie.

Neoprenanzüge gehören eigentlich zur typischen Ausrüstung eines Tauchers. Durch ihr enges Anliegen schützen sie aber nicht nur vor Kälte, sondern sie weisen außerdem sehr genau auf die eigenen Körpergrenzen hin. Diese Eigenschaft erkannte auch Grunwald und verknüpfte die regulativen Eigenschaften des Anzugs mit dem Krankheitsbild der Magersucht.

Im Jahr 2002 wandte sich eine magersüchtige Studentin an ihn, die eine neue Therapie ausprobieren wollte. Der Forscher kleidete sie in einen eigens entworfenen Neoprenanzug und verordnete ihr, dass sie ihn 15 Wochen lang dreimal täglich eine Stunde lang tragen solle. Das Ergebnis war erstaunlich.

Die Patientin schnitt bei den haptischen Tests immer besser ab. Auch die Aktivitäten im rechten Parietallappen nahmen zu. Außerdem gewann sie tatsächlich an Gewicht. Die zweite Haut gibt den Patienten also offensichtlich ein besseres Körpergefühl und nutzt die eigene Körperwahrnehmung, um sie schließlich zu kurieren.

Es gab durchaus auch negative Reaktionen auf die Neoprenanzüge. So fühlten manche der Patienten sich durch den Anzug noch dicker, als es ohnehin schon der Fall war. In diesen gesonderten Beispielen wurden die Versuche sofort abgebrochen. Nichtsdestotrotz soll dieser Ansatz weiter verfolgt werden, vor allem auch, um seine Nachhaltigkeit zu studieren.

Die größte Überwindung haben ohnehin die Patienten vor sich, denn der Neoprenanzug hält ihnen schonungslos einen Spiegel vor. Diese Konfrontation ist laut Grunwald das Wichtigste. Zur vollständigen Genesung muss aber ein ganzheitliches Konzept entwickelt werden, das auch eine Gesprächstherapie beinhaltet.

Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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