Haptik im Genussmodus

von Olaf Hartmann am Dienstag, 20 Dezember 2016. Veröffentlicht in Haptik

Küssen Sie mit geschlossenen Augen?

Im Fokus einer aktuellen Studie an der University of London 1 stand die Frage, wie effektiv Warnsysteme mit Vibrationsalarm in Autos und Fliegern sind. Um das Kernergebnis vorwegzunehmen: Sie sind nur dann hilfreich für die Piloten, wenn sie nicht mit visuellen Reizen geflutet sind.

Diese Untersuchung erhellt – Überraschung! – ganz nebenbei, warum wir mit geschlossenen Augen küssen.

Übrigens ein Ritual mit geschlechtsspezifischen Unterschieden: Während 97 Prozent der Frauen die Liddeckel zuklappen, wenn sie Bussis platzieren, sind es bei den Männern nur 30 Prozent.

 

Volle Konzentration

Die Begründung für dieses Verhalten bringt romantische Dimensionen zum Klingen und ist gleichzeitig mit neuropsychologischen Mechanismen verknüpft.

Wir wollen uns dem Genuss hingeben, ganz beim Partner sein, und dabei stören all die visuellen Sinneseindrücke die Konzentration. Wie die Forscher konstatieren, verflüchtigt sich die Intensität der Berührung, wenn die Augen offen bleiben.

Auch ein weiterer Beleg dafür, dass wir nur einen Bruchteil der sensorischen Signale, die kontinuierlich auf unser Sinnessystem einprasseln, bewusst verarbeiten können. Während die gigantischen Verarbeitungskapazitäten des Unbewussten pro Sekunde rund 11.3 Mio. Bit, davon allein 10 Mio. Bit visuelle Reize, verdauen können, ist der nach geschaltete Reflexionsradar auf 40 bis 60 Bit begrenzt.

 

Gefühlsintensität vs. Augenpulver

Beim eigentlichen Test zum Thema Vibrationsalarm in Verkehrsmitteln wurden die TeilnehmerInnen gebeten, Buchstaben aus mehr oder weniger visuell anspruchsvollen Bildern zu filtern. Parallel wurden leichte Vibrationsreize in die Hände gesendet.

Die Beobachtung der Forscherinnen: Je diffiziler es war, die Buchstaben zu identifizieren, desto weniger wurden die haptischen Signale wahrgenommen. Ihr Resümee: Die Menge und Stärke visueller Reize beeinflusst die Qualität des haptischen Empfindens.

Wenn Sie Kunden das nächste Mal zu einem Fühltest einladen – z.B. um die Materialqualität zu prüfen – empfehlen Sie ihnen, die Augen zu schließen. Abgesehen davon, dass Sie vermutlich für einen kleinen Überraschungsmoment sorgen und sich mit einer sachverständigen Erklärung profilieren können, wecken Sie zum einen Vertrauen, zum anderen erhöhen Sie den Genuss der Berührung und stiften ein perfektes Tasterlebnis, bei dem der funktionelle Griff zur Qualitätsprüfung mit der Lust an der Berührung verschmilzt.

 

Haptik im Genussmodus

Wahre Genießer wissen natürlich schon intuitiv, wie sie haptische Sinnesreize in ihrer Fülle auskosten können. Einige typische Beispiele aus dem Alltag.

Frau Müller hat einen schicken Angorapulli in ihrer Lieblingsfarbe entdeckt und während ihre Hände in das flauschige Material eintauchen, schließt sie für einen Moment unwillkürlich die Augen.

Herr Schmidt kostet eine neue Tortenkreation. Sobald die Gaumenfreude auf den Lippen und Zungenknospen landet, die ebenso wie die Fingerspitzen besonders berührungsempfindlich sind, mischen sich wohlige haptische mit gustatorischen Reizen, und der Feinschmecker blendet alles andere aus –

Ehepaar Meier liegt am sonnenbeglänzten Strand von Mallorca, eine sanfte Brise streichelt die Haut, die Wellen gluckern vertrauensvoll und beide tauchen mit geschlossenen Augen ab – genießen, wohl fühlen, auftanken.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen frohe Feiertage! Schließen Sie öfter mal die Augen und genießen Sie die (be)sinnlichen Seiten des Jahresausklanges!

 

Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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