Haut und Haptik

von Olaf Hartmann am Dienstag, 01 September 2015. Veröffentlicht in Haptik

Geniestreich der Evolution

Ich fühle, also bin ich

Mit einer Fläche von etwa 1,8m² und einem Gesamtgewicht von 3,5 bis 10 kg ist die Haut nicht nur unser vielseitigstes, sondern gleichzeitig auch unser größtes Organ. Kein Wunder: Ihre Funktion ist unterschätzt und überlebenswichtig.

So schützt sie unseren Körper nicht nur vor Keimen, Sonneneinstrahlung und Austrocknung, sondern beeinflusst auch unser Gleichgewicht und übernimmt wichtige Funktionen innerhalb unseres Stoffwechsels. Last but not least: Sie dient der Kommunikation mit unserer Umwelt.

Die Haut ist während der vergangenen Jahre in den breiteren Fokus der Wissenschaft gerückt. Unser Schutzmantel kann nun bis ins letzte Detail erforscht werden und offenbart mehr und mehr seine faszinierende Perfektion.

Immunsystem, Nerven, Psyche – es gibt keine wichtige Funktion, die nicht untrennbar mit der Haut vernetzt ist. Sie ist Abgrenzung, aber auch Schnittstelle. Das gilt auch dann, wenn sie zur sozialen Projektionsfläche dient, wie es zum Beispiel bei Körperbemalung, Schmuck oder auch Mode der Fall ist. Oder denken Sie an die Tätowierungen unserer Fußballspieler: kaum ein Athlet, der sich nicht ein, zwei Tattoos hat stechen lassen. Gerne auch mehr und vollflächig, zumindest einen Arm.

Pickel? Der Albtraum nicht nur für die Gesichter der jeweils amtierenden Clearasil-Generationen.

Dabei fördern sie auch Unzulänglichkeiten zutage, die ansonsten im Verborgenen bleiben würden. Zwar gibt es viele Ursachen für Pickel, auf die wir keinen Einfluss haben, wie zum Beispiel eine erhöhte Talgproduktion, die weibliche Menstruation oder eine schlichte genetische Veranlagung.

 

Die Haut als Spiegel der Seele

Unsere Haut ist aber auch ein Spiegel der Seele, denn extreme Belastungen führen zu hormonellen Schüben, die wiederum Pickel verursachen können. Dann signalisiert uns die Haut als unser persönlicher Bodyguard: Schalt einfach mal einen Gang runter!

Betrachten wir die Haut im Querschnitt, so können wir dreieinhalb Schichten erkennen. Die unterste Schicht besteht aus einem Bindegewebe und Fettzellen und wird als Unterhaut bezeichnet. Sie versorgt die darüber liegenden Schichten mit Nährstoffen und ist dafür verantwortlich, dass sich die Haut als Ganzes verschieben lässt. So wäre eine Massage ohne Unterhaut mit Sicherheit ein unangenehmes Erlebnis.

Über der Unterhaut befindet sich die sprichwörtliche Lederhaut. Sie verleiht unserer Schutzhülle Elastizität und Reißfestigkeit. Sie wird nur selten erneuert, was auch der Grund dafür ist, dass Tätowierungen in die Lederhaut gestochen werden – dort bleiben sie lange sichtbar und verändern sich nicht nennenswert. Auch Anti-Aging-Produkte wirken auf die Lederhaut ein.

Die dritte Schicht nennt sich Epidermis und produziert Hornzellen. Benutzen wir eine Hautpflege-Creme, dringt diese gerade bis zur Epidermis vor. Ist die dritte Hautschicht gesund, formt sie eine Barriere, die unseren Körper vor Mikroorganismen abschirmt. Gitarristen und Handwerker werden außerdem bemerkt haben, dass die Epidermis sehr anpassungsfähig ist und raschl auf außerordentliche Belastungen reagiert, indem sie verstärkt Hornzellen produziert.

 

Grundlagen unserer Wahrnehmung

In den drei unteren Hautschichten finden wir zahlreiche Nervenenden sowie spezialisierte Rezeptoren, die Dehnung, Vibrationen, Juckreize, Schmerzen, Kälte und Wärme registrieren und an unser Gehirn weiterleiten. Die Wissenschaft schätzt ihre Anzahl auf etwa 700 bis 800 Millionen. Bezieht man die freien Nervenenden ein, könnte sich die Zahl auf Billionen erhöhen.

Einige Stellen unseres Körpers sind behaarter als andere. Dort finden sich regelrechte Zentren der Wahrnehmung, wird doch jedes unserer ca. fünf Millionen Körperhaare von durchschnittlich 50 Rezeptoren umflochten, deren Nervenfasern zunächst ins Rückenmark und von dort aus ins Gehirn führen.

Fahren wir uns mit einem Finger über die Armhaare, ohne dabei die Haut zu berühren, wird dieser Zusammenhang greifbarer denn je – wir spüren im wahrsten Sinne des Wortes jedes kleinste Haar.

Nicht nur das: Berührung ist keine Frage von null und eins. Vielmehr vermögen wir verschiedene Nuancen zu spüren und darauf zu reagieren. So fühlt sich ein Marienkäfer anders an als ein Regentropfen. Ebenso können wir einen Regenwurm von einem Kuchenkrümel unterscheiden.

 

Haut und Haptik

Solange wir uns auf der Erde bewegen, sind wir alle der Schwerkraft ausgesetzt. Jede unserer Bewegungsformen ist ein Tast-Akt. Das gilt für einfache Organismen wie die Amöbe bis hinauf zum Menschen.

Diese Erkenntnisse in den allgemeinen Focus gerückt zu haben verdanken wir dem Leipziger Haptik-Forscher und -Pionier Martin Grunwald. Menschen ohne angeborenen Tastsinn? Existieren nicht.

In einem Interview mit dem Multisense Institut verortet der Wissenschaftler den Tastsinn auf der Ebene der Cartesianischen Seinsvergewisserung - Ich fühle, also bin ich. Es ist nicht mehr allein das Denken, das mich meiner selbst vergewissert, sondern zunächst und vor allem anderen das Fühlen: „Nur der Tastsinn kann uns unmittelbar versichern, dass wir da sind und die Welt außerhalb unseres Organismus ebenso.“

Ohne die Fähigkeit zu tasten und zu fühlen sind wir schlicht nicht überlebensfähig. Haut und Haptik identifiziert Grunwald als unseren archimedischen Punkt des Weltzugangs: „Der ganze Körper ist ein Tastsinnessystem.“

 

Ohne Tastsinn kein Marketing

Am Homo hapticus führt für die Marketingabteilungen dieser Welt nicht nur nach Auffassung von Martin Grunwald kein Weg mehr vorbei.

In besagtem Interview mit dem Multisense Institut konstatiert der Leipziger Forscher diesen Sachverhalt auch für das Online-Shopping: „Der Online-Verkauf von Kleidung beispielsweise funktioniert eher bei 2-Euro-T-Shirts, denn bei dem Preis spielt es keine Rolle mehr, wie sich das T-Shirt anfühlt. Aber ab einer bestimmten Preisklasse kommt der Mensch gar nicht umhin, die Dinge anzufassen.“

Psychologisch gesehen ist die Haptik unser Wahrheitssinn: „Wir sind daran gewöhnt uns manches Mal zu versehen und zu verhören, aber subjektiv ‚verfühlen‘ wir uns nie. An diesem fundamentalen Sachverhalt kommen auch Produktdesign und Marketing nicht vorbei.“

Clevere Marketingabteilungen setzen deshalb auf die haptische Wahrnehmung des Menschen und appellieren an das Urvertrauen in den eigenen Tastsinn. Ein Markenversprechen, das sich nicht berühren lässt? 1,8 m² sprechen dagegen.

Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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