Lesen lernen mit Auge, Ohr und Hand - Haptik in der Neuropädagogik

von Olaf Hartmann am Montag, 13 Mai 2013. Veröffentlicht in Haptik

Prof. Manfred Spitzer erklärt die „Nobjects“ anlässlich der Premiere des multisense forums in Essen im September 2010. (Bildquelle: Multisense Institut)Kleinkinder nutzen ausgiebig den Tastsinn, um ihre Umwelt zu erkunden. So entwickeln sich die haptischen Fähigkeiten bereits in frühen Jahren im Turbogang. Eine Erkenntnis, die in Frankreich zu einer neuen Unterrichtsmethode für Vor- und Grundschüler führte. Um den Kindern Lesen beizubringen, wird der haptische Sinn mit einbezogen. Mit verbundenen Augen ertastet der Nachwuchs die Formen der einzelnen Buchstaben. Abgesehen vom Spaß, den dieser spielerische Ansatz den Kindern bringt, schlägt er auch eine Brücke zwischen visuellem und auditivem Cortex.

Als Experte für das kindliche Gehirn betont der französische Neurowissenschaftler Edouard Gentaz, dass Grundschulkinder beim Lesenlernen vor der schwierigen Aufgabe stehen, Buchstabenformen, die vom visuellen Cortex verarbeitet werden, mit dem dazugehörigen Klang zu verknüpfen, für den wiederum das auditive Zentrum zuständig ist. Integriert man das haptische Verarbeitungszentrum in den Lernprozess, wird die Verbindung zwischen Form und Klang erleichtert. Erste Untersuchungen belegen, dass diese Methode den Lernerfolg steigert. Und das nicht nur bei Grundschülern. 

Ein weiteres Augenmerk der Neuropädagogik gilt assoziativem statt linearem Lernen. So fertigten französische Schüler der 11. Klasse eine mentale Landkarte zu Stendahls Roman „Rot und Schwarz“. Der anspruchsvolle Text wurde mit Bildern und persönlichen Erinnerungen verknüpft. Wie die Schüler kommentierten, konkretisierte das Zeichnen beispielsweise die Beziehungsstrukturen der Romanfiguren und erleichterte die Erinnerung an das Romangeschehen.

Dieses Beispiel zeigt ebenfalls, dass die Integration des haptischen Sinns zu besseren Lernergebnissen führt. Bleibt die Frage, ob diese Erkenntnis auch für Erwachsene gilt. Die Antwort lieferte u.a. eine Studienreihe an der Universität Ulm.

Um die Schwierigkeit für die Testteilnehmer zu erhöhen, dachten sich die Forscher neue Objekte aus. Die Aufgabe bestand darin, diese so genannten „Nobjects“ in 15 x 90 Minuten auswendig zu lernen. Auf zweierlei Art und Weise: Die eine Gruppe bekam Anschauungsmaterial und den Rat, sich auf spezielle Eigenheiten der gezeigten fremden Dinge zu konzentrieren, wie z.B. Henkel, Spitzen, Ausbuchtungen. Die andere Gruppe lernte zu jedem Objekt eine spezifische, passende Handbewegung.

Das eindrucksvolle Ergebnis: Die Probanden, die mit Bewegung gelernt hatten, waren beim Nachdenken „eine gute Sekunde schneller“. Für Psychologen  – laut Hirnforscher Manfred Spitzer  – „eine Ewigkeit“. Beim Hirnscan stellte sich heraus, dass bei den auch haptisch Lernenden der vordere Gehirnbereich, der für Bewegungsverarbeitung und Planung zuständig ist, um 117 Millisekunden früher und insgesamt stärker als bei den anderen aktiviert war. Das Fazit von Prof. Spitzer: „Wer sich die Welt auch mit der Hand aneignet, denkt hinterher tiefer, schneller, besser.“

Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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