Zukunft zum Greifen nahe - Wie haptische Innovationen die Mensch-Computer-Interaktion verändern

von Olaf Hartmann am Mittwoch, 09 Juli 2014. Veröffentlicht in Haptik

Haptische Empfindungen in Algorithmen umrechnen Das digitale Zweitleben reduziert die haptische Erfahrungswelt meist auf stereotype Bewegungsmuster: Tastendrücken oder Screens per Wisch mit dem Zeigefinger manipulieren. Ein sensorisches Manko, das zusehends auf den Radar der Interface-Designer kommt.

Denn wie wichtig der Tastsinn für uns ist, steht außer Frage: von der Ausbildung des Bewusstseins für Realität, auch unserer eigenen, über die Kontrolle und Bewertung von Objekten bis hin zu lebenswichtigen sozialen Berührungen. Ohne die haptische Dimension hätten wir unsere Lebenswelt nicht mehr im Griff.

Vor diesem Hintergrund hat sich der Interface-Designer Ivan Poupyrev darauf spezialisiert, die Mensch-Computer-Interaktion um haptische Erfahrungen zu bereichern.

Seine bahnbrechenden Entwicklungen wurden vielfach preisgekrönt – seine Expertise ist rund um den Globus gefragt, sowohl als Vortragsredner als auch Forscher. Ein kleiner Auszug aus seinen Berufsstationen: vom Sony Computer Science Lab in Tokyo über Disney Research in Pittsburgh zu Google Labs im Silicon Valley.

Kern seines Forschungsinteresses ist „Empower Humanity“: Technologie, die Menschen neue Erfahrungsräume öffnet – als Schlüssel dient der Tastsinn. Schon sieben Jahre bevor Apple mit dem Launch des iPhones den Handy-Markt revolutionierte, versuchte Poupyrev seine Teamkollegen bei Sony von der Idee zu überzeugen, digitale Kommunikationsinstrumente auf einen Screen sowie eine Taste für On und Off zu beschränken. Damals vergeblich. Heute werden seine Ideen gefeiert.

Bei Disney Research erweiterte er seinen Forschungsradius vom Fingerspitzengefühl auf den gesamten Körper als vernetztes Tastsinnessystem.

Die Grundlage schuf er mit „Surround Haptics“. Dabei gelang es ihm erstmals, haptische Empfindungen in Algorithmen umzurechnen und diese mit visuellen Signalen zu verbinden.

Eine Basis, auf der die Haptikforschung jetzt daran arbeitet, ein „Archiv für Erfühlbares“ zu entwickeln – unterschiedlichste Berührungsreize, umgewandelt in Dateiformate.

Im Gegensatz zum Gros der bisherigen haptischen Computer-Feedbacks kommt Surround Haptics ohne vibrierende Untertöne aus, stattdessen schwelgt der User in purem Gefühl, spürt beispielsweise Krabbel-Käfer auf dem Rücken oder ein Laserschwert in der Hand.

Vorläufiger Höhepunkt von Poupyrevs Forschungsarbeiten ist das höchst sensible „Touché“ – eine relativ einfache, dabei kostengünstige Technologie, die materialunabhängig bei allen Objekten sowie Pflanzen, Wasser, selbst Menschen funktioniert.

Bei dieser innovativen Methode scannen die Forscher durch verschiedene Frequenzen, fixieren die dadurch ausgelöste Wirkung und können dann mittels nur eines einzigen Berührungspunktes erkennen, wie ein Körper gerade konfiguriert ist.

In der Praxis bedeutet dies beispielsweise, dass ein mit Touché ausgestatteter Tisch merkt, ob er berührt wird oder nicht und genauer: ob eine Handfläche oder zwei auf ihm liegen, sich jemand mit Ellenbogen auf ihn stützt oder die Füße hochlegt.

Klingt nach Zukunftsvisionen? Poupyrevs liebste Inspirationsquelle ist der Science Fiction Bestseller „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Für den gebürtigen Russen und forschenden Weltenbummler ein Buch voller genialer, praktikabler Ideen und Spiegel seines Weltbildes: Wir leben inmitten eines unendlichen Universums, das unendliche Möglichkeiten bietet.

Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

Kommentare (1)

  • Michael Henschke

    Michael Henschke

    17 Juli 2014 at 10:15 |
    Guten Tag Herr Hartmann,

    Ihr Blog hat mich sehr inspiriert, dafür vielen Dank.

    Mich treibt nun die Frage um, ob wir im Rahmen des mittlerweile standardisierten Markenschutzes, bestehend aus Wort-, Wort-Bild-, Hör-, Farb- und / oder Geruchsmarke, zukünftig um die Erweiterung in der Kategorie "haptische Marke" beim Deutschen Patent- und Markenamt DPMA ersuchen sollten.
    Bei Produkten wie Rauhfasertapeten oder Küchentüchern kennen wir den Begriff der "haptischen Marke" bereits (hier wird natürlich oft mittels Designschutz agiert).

    Im Rahmen des von Ihnen geschilderten multisensorischen Marketings kommt Designschutz aber schnell an seine Grenzen. Somit stellt sich die Frage, wie schützen wir Innovationen und geistiges Eigentum sowie konkrete Produkte zukünftig wirksam vor Plagiaten und Missbrauch.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn wir Ihren Beitrag als Grundstein für eine fruchtbare (Forschungs-)Kooperation verstehen können, um schon heute gemeinsam Antworten auf Fragen von Morgen zu formulieren.

    Mit ma®kensta®ken Grüßen

    Michael Henschke
    MarkenMakler

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