Die elektronische Geisterhand - Eine biologisch erzeugte Augmented Reality

von Olaf Hartmann am Mittwoch, 12 November 2014.

Eine Augmented Reality unseres Hirns.Das Phänomen des Geistersehens und sie spüren ist so alt wie die Menschheit selbst. Eine Hand auf der Schulter, ein Schatten an der Wand, eine knarzende Tür ... Die Verblichenen machen sich scheinbar auf viele Arten und Weisen bemerkbar und beschäftigen unsere Sinne.

Doch was ist wirklich dran am Spuk? Wieso bekommen wir eine Gänsehaut, wenn wir denken, dass jemand hinter uns steht? Um das herauszufinden, muss man die Gespenster ins Labor locken.

Wissenschaftler sprechen vom "Feeling of Presence", dem Gefühl einer Gegenwart. Seit etwa 100 Jahren beschrieben, beschäftigt es vor allem die Schizophrenie-Forschung. Dieses Gefühl unter künstlichen Bedingungen zu simulieren ist gar nicht so einfach.

Nichtsdestotrotz haben Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne die Herausforderung angenommen und einen Roboter entwickelt, mit dem Probanden sich selbst auf die Schulter tippen können.

Im Experiment wurden den Versuchspersonen die Augen verbunden. Mit Hilfe eines Kopfhörers wurden alle Umgebungsgeräusche ausgeblendet. Nun sollten die Probanden mit dem Roboterarm in die Luft pieksen.

Ein zweiter, interagierender Roboter hinter der Versuchsperson („slave robot“) empfing die Bewegung und berührte die Versuchspersonen am Rücken. Vor dem Experiment wurde allen Probanden erklärt, dass sie den zweiten Roboterarm mit dem ersten steuern. Alle wussten also, dass sie sich im Grunde selbst auf die Schulter klopfen.

Der Versuch wurde in zwei unterschiedliche Aufbauten unterteilt. Im ersten Aufbau wurden alle Berührungen ohne Verzögerung ausgeführt. Die Experimentteilnehmer hatten das Gefühl, ihren Rücken auf direktem Wege selbst zu berühren, ohne dabei den Umweg über den „slave robot“ zu nehmen.

Im zweiten Aufbau programmierten die Forscher eine Verzögerung von einer halben Sekunde ein. Diese halbe Sekunde sorgte bereits für eine Sinnestäuschung, denn die eigene Bewegung konnte nicht mehr mit der Reaktion der Roboterarme in Verbindung gebracht werden.

So entstand für die Probanden das Gefühl, als stünde jemand hinter ihnen , eben jenes "Feeling of Presence".

Tatsächlich war hinter ihnen gar kein Platz für eine weitere Person. Einige waren gar der Überzeugung, dass sie in Richtung der unbekannten Person gezogen wurden. Zwei Versuchspersonen brachen das Experiment ab, weil ihnen das Erlebnis zu unheimlich wurde.

Die Schlussfolgerung: Die Geisterhand ist ähnlich wie das kürzlich in unserem Blog aufgegriffene Phänomen der Marmorhand eine Fehlinterpretation unseres Gehirns, die durch nicht zusammenpassende sensomotorische Reize ausgelöst wird.

Es wird also ein weiteres Mal deutlich, dass unsere Sinne nur im multisensorischen Teamwork ihr volles Potential entfalten und uns schnell in die Irre leiten können, wenn sie sich gegenseitig im Weg stehen.

Die Geisterhand ist ein besonders faszinierendes Phänomen, denn sie zeigt, dass unsere Sinne uns Gegebenheiten vortäuschen können, die nichts mit der Realität gemein haben. So ist es nicht nur möglich, dass uns unsere Arme doppelt so lang erscheinen, sondern auch, dass vermeintlich Personen hinter uns stehen, die tatsächlich gar nicht existieren. Die (fehlgeleitete) Multisensorik macht's möglich: eine biologische Art von "Augmented Reality".

Darüber hinaus wird auch bei diesem Experiment ersichtlich, wie sehr unser Selbst-Bewusstsein eingebunden ist in ein synchronisiertes Netzwerk von Signalen, die es formen. Dem Tastsinn kommt dabei einmal mehr die führende Rolle zu.

Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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