Augen auf Autopilot

von Olaf Hartmann am Montag, 11 Mai 2015. Veröffentlicht in Neuromarketing

Warum manche Blinden sehen können

Versetzen wir uns kurz in die Lage eines Kindes. Der Weihnachtsbaum ist geschmückt, die Familie zu Besuch, das Essen verspeist und nun ruft die Bescherung. Opa sitzt bereits auf dem Sofa und hält uns ein großes leuchtendes Geschenk hin. Es ist nur natürlich, dass wir losrennen und nach dem Geschenk greifen.

Dieser freudige Vorgang ist ein wohlorchestriertes Zusammenspiel unserer Sinne. Die Augen fixieren das Geschenk, unser motorischer Sinn greift danach und unser haptischer Sinn hält es anschließend sicher fest. Daraus ließe sich durchaus der logische Schluss ableiten, dass wir einen Gegenstand sehen und lokalisieren müssen, bevor wir danach greifen. Oder?

Blindheit trotz intakter Augen

Einige Menschen können noch nicht einmal dann etwas sehen, wenn ihre Augen geöffnet sind – ihre Augen sind dennoch völlig in Ordnung. Vielmehr ist ihr visueller Cortex beschädigt, der Teil des Gehirns, der die Signale unserer Augen interpretiert. Interessanterweise gelingt es den Betroffenen trotzdem, relativ zielsicher nach Gegenständen zu greifen.

Wer nun versucht, dieses Phänomen mithilfe der Erfahrung zu erklären, ist auf dem Holzweg. Ein Experiment zeigt, dass Menschen, die unter dieser Form der Blindheit leiden, einen sehr ausgeprägten Orientierungssinn besitzen. So wurden die Probanden zum Beispiel durch einen dunklen Gang geschickt, der vorher mit Hindernissen versehen wurde.

Das Ergebnis ist erstaunlich: Die Versuchspersonen finden sich nicht nur in dem dunklen Korridor zurecht, sondern sie erkennen auch Hindernisse und weichen ihnen aus. Sie können die Hürden also sinnlich wahrnehmen, obschon sie für die Probanden eigentlich unsichtbar sind. Dieses medizinische Kuriosum trägt einen Namen: Rindenblindheit, oder auch „blindes Sehen“.

Es ist also durchaus möglich, dass Menschen, die unter der genannten Blindheit leiden, handeln und teilweise auch reden, als könnten sie alles gut sehen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihr Bewusstsein die empfangenen Reize zwar nicht verarbeiten kann – gesendet werden die Bilder aber trotzdem.

 

Sehen ohne sehen zu können

Es wurden beispielsweise Versuche mit Lichtblitzen durchgeführt. Die erblindeten Probanden konnten die Blitze zwar nicht sehen, aber dennoch lokalisieren. Wie ihnen das gelungen ist, konnten die Teilnehmer anschließend nicht mehr benennen. Die Bilder werden also trotzdem wahrgenommen, wenn auch unbewusst.

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse führen unweigerlich zu der Frage, ob es nicht auch gesunden Menschen möglich ist, mit Gegenständen zu interagieren, die sie eigentlich nicht sehen können. Doch wie können wir die Testgegenstände auch für gesunde Probanden unsichtbar werden lassen?

Normalerweise sehen unsere Augen in etwa das gleiche Bild, wenn auch leicht versetzt. Dieses Bild wird in unser Gehirn geschickt und dort zu der Information verarbeitet, die wir brauchen, um das Bild tatsächlich erkennen zu können. Doch was passiert eigentlich, wenn wir zwei absolut unterschiedliche Bilder wahrnehmen, die dann gemeinsam ins Gehirn geschickt werden?

 

Binokulare Rivalität und Augendominanz

Stellen wir uns beispielsweise vor, dass wir auf dem linken Auge ein Auto sehen und auf dem rechten einen Tisch. Die erste Vermutung lautet oft, dass die beiden Bilder miteinander vermischt werden. Stattdessen sehen wir aber beide Bilder im Wechsel. Der Vorgang, der für dieses Hin und Her verantwortlich ist, nennt sich binokulare Rivalität.

Als binokulare Rivalität bezeichnet man Wahrnehmungswechsel, die spontan auftreten, wenn jedem Auge ein unterschiedliches Bild gezeigt wird. Handelt es sich hingegen um zwei ähnliche Bilder, werden sie im Gehirn zu einem einzigen zusammengerechnet. Dieses Phänomen ist auf die sogenannte Augendominanz zurückzuführen.

Die Augendominanz besagt, dass das retinale Abbild unseres einen Auges dem retinalen Abbild des anderen Auges gegenüber bevorzugt wird - bei zwei Dritteln der Menschheit ist das rechte Auge dominant. Dieser Effekt spielt uns in die Karten, wenn wir eine Rindenblindheit simulieren wollen.

So müssen wir den bereits beschriebenen Versuchsaufbau bloß leicht abwandeln: Statt zwei stillstehender Bilder, wählen wir dieses Mal ein ruhendes und ein bewegtes. So könnten wir das rechte Auge einem farbigen Flackern aussetzen, sodass wir links das unbewegte Bild eines Autos sehen und rechts die unruhigen Farben.

Das farbige Flackern wird dominant sein und das Auto ausblenden. Doch obwohl wir bewusst nur bunte Farben sehen, empfängt unser Gehirn dennoch unbewusst das Signal, dass wir gerade ein Auto betrachten.

 

Die Interaktion mit dem Unsichtbaren – auch bei Gesunden denkbar?

Nun gilt es nur noch herauszufinden, ob auch gesunde Menschen mit Gegenständen interagieren können, die sie nur unbewusst wahrnehmen. Zu diesem Zweck wurde der eben beschriebene Versuchsaufbau mit einigen Probanden durchgeführt und dabei wurden ihre Augenbewegungen aufgezeichnet. Die Aufgabe: „Suchen Sie den Gegenstand, den Sie nicht sehen können.“

Zwar gaben die Versuchspersonen an, dass sie den gesuchten Gegenstand nicht sehen oder gar lokalisieren können. Trotzdem blieben ihre Augen mehrfach daran hängen, ohne dass die Teilnehmer es merkten. Sie konnten das gesuchte Objekt wahrnehmen, obwohl es für sie unsichtbar war.

In einem letzten Test wurde untersucht, ob die gesunden Menschen zielsicher nach den unsichtbaren Gegenständen greifen können. Dazu wurden die Probanden in zwei Versuchsgruppen unterteilt, nämlich in Erblindete und Gesunde. Das Ergebnis: Die Versuchsteilnehmer, die tatsächlich an Rindenblindheit erkrankt waren, griffen wesentlich sicherer nach den Objekten, während die gesunden Versuchspersonen durchaus ihre Probleme mit der Aufgabenstellung hatten.

 

Ein sinnliches Gefüge

Verlieren wir einen unserer Sinne, werden andere dafür geschärft. So kennt jeder die Erzählungen von Blinden, die auf einmal deutlich besser und intensiver hören und riechen können. Oder die Berichte von tauben Menschen, die Geräusche förmlich sehen können. Ähnlich dürfte es sich mit der Rindenblindheit und unserem Tastsinn verhalten.

So ist es den Betroffenen zwar nicht möglich, wirklich zu sehen. Sie entwickeln aufgrund der Fehlfunktion ihres Gehirns aber motorische Fähigkeiten, die gesunden Menschen verwehrt bleiben. Ihr Gehirn schaltet auf Autopilot – ähnlich wie das eines Kindes auf dem Weg zu einem Weihnachtsgeschenk.

Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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