Körpersprache: Reden ohne Worte

von Olaf Hartmann am Dienstag, 23 Februar 2016. Veröffentlicht in Neuromarketing

Die natürlichen Grenzen der Online-Kommunikation

Körpersprache: Reden ohne Worte © CreaturaDas Web mit seiner gigantischen, ungebremst wachsenden Informationsuniversen ist als schnelles Recherchetool kaum noch aus unserem Alltag wegzudenken. Ob tagesaktuelle News, Produktvergleich oder Kochrezept – selten bleibt die Suchmaschine eine Antwort schuldig. Was allerdings nicht heißt, dass alle Infos im Netz zugänglich sind.

Eine ganz andere Frage ist auch, wie valide die Online-Auskünfte sind? Abgesehen von gekauften Platzierungen blüht natürlich das Suchmaschinenmarketing. Je versierter der Infoanbieter in dieser Disziplin ist, desto höher sein Ranking.

Da laut diverser Studien meist nur die ersten zehn Suchergebnisse gelesen werden, kann der User nur bedingt davon ausgehen, dass diese Top Ten auch qualitativ die beste Wahl ist. Der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer weist immer wieder gerne darauf hin, dass online „sehr viel ungefilterter Schrott“ kursiert.

Noch kritischer wird es, sobald es um Wissenstiefe und differenzierte Information geht. Denn unser World Wide Web ist primär auf schnelle, kompakte Infobits ausgerichtet. Zuverlässige Recherche in die Tiefe braucht nicht nur Medienkompetenz, sondern meist auch einschlägige Vorbildung, um die Spreu vom Weizen trennen zu können.

Der unkritische Umgang mit Web-Infos ebenso wie die Attitüde, sich schnell und bequem auf ein paar Mausklicks schlau machen zu wollen, wird von Pädagogen und Hirnforschern gleichermaßen moniert – in einer Nussschale formuliert: Informationsbeschaffung ausschließlich via Internet führt zu eher oberflächlichem Denken und Wissen, zur digitalen Verdummung.

Mehr noch – das flotte Absurfen der Infoflut beeinträchtigt sowohl die Konzentration als auch Kreativität.

Schon vor diesem Hintergrund empfiehlt sich das Internet nur in überschaubaren Grenzen für Verständnis- und Lernprozesse. Ausgehend von einer pädagogischen Binse, die auch von der Hirnforschung unterstrichen wird, braucht tiefes und einprägsames Verständnis bzw. Lernen vor allem auch reale Erfahrung, gespeist aus möglichst vielen sensorischen Kanälen.

An dieser entscheidenden Weichenstellung kommt der digitale Space an seine Grenzen. Manfred Spitzer warnt entsprechend vor der sinnlichen Verkümmerung von Kindern, die bereits von digitalen Tools umzingelt sind.

 

Körpersprache: Reden ohne Worte

Ungeachtet dieser Erkenntnisse flutet aber auch die Politik das Netz mit Information zu vielen komplexen Themen, jegliches Charisma bleibt dabei auf der Strecke.

Das Ergebnis: ein Schwall von Kommentaren, Pro und Contra, teils kompetent, häufig reine Meinungsbekundung und Herbeten von Stereotypen, auch Frustabbau und unreflektierte Spontanreaktionen. Unterm Strich bleibt ein Infowust, der häufig eher zur Verwirrung als zur Klärung beiträgt.

Schon Ende der 60er Jahre wies Albert Mehrabian auf Basis einschlägiger Studien auf die wichtige Rolle der Körpersprache für das Verständnis und die Glaubwürdigkeit von Vorträgen hin.

Nach seiner Regel wird das Publikum vor allem durch die Körpersprache beeinflusst: satte 55 Prozent gilt es da zu verzeichnen. Die Stimme – Tonlage, Melodie, Betonung usw. – kommt auf 38 Prozent und für den faktischen Inhalt bleiben bescheidene 7 Prozent.

Je nach Thema und Zielgruppe können diese Werte variieren, doch mindert dies nicht die grundsätzliche Erkenntnis, wie wichtig Mimik, Gestik und Tonfall für die Auffassung von Inhalten sind. Körpersprache ist Reden ohne Worte und Grundpfeiler jeder tragfähigen Kommunikation.

Nehmen Sie zur Verdeutlichung einmal eine schlichte Aussage wie „super gemacht“, schlagen Sie abwechselnd einen ironischen, wütenden oder erfreuten Ton an – die Worte bleiben gleich, doch ihre Bedeutung variiert mit jedem Zungenschlag.

Ebensowenig transportiert technologische Kommunikation die Stimmung, die Ausstrahlung und den Stil des Absenders der Botschaft. Doch jedes dieser sensorischen Signale zahlt darauf ein, wie ein Redner und damit auch seine Botschaft bewertet werden. Sie beeinflussen auf direktem Wege Verständnis, Glaubwürdigkeit und Erinnerungswert.

Entscheidende Aspekte, die im digitalen Rauschen aufgehen und jeden Redner in einen Avatar verwandeln.

 

Komplexität fassbar gemacht

Nichts überzeugt uns mehr als die reale Erfahrung mit allen Sinnen – nichts beeinflusst das entscheidende emotionale Feedback in höherem Maße. Diese wissenschaftlich belegten Erkenntnisse zählen in Zeiten des grassierenden Vertrauensverlustes umso mehr.

Nach dem aktuellen statista-Vertrauensindex, erhoben im Dezember 2015, ist es um das Vertrauen in verschiedenen Berufsgruppen teilweise dramatisch dürftig bestellt. Unternehmer kommen noch auf 51,1 Prozent, Journalisten fallen auf 37 Prozent, Werbefachleute auf 26,6 und Politiker finden sich abgeschlagen bei 15,1 Prozent wieder. 

Angesichts dieser Entwicklung empfiehlt sich nicht nur Politikern, ihre potentiellen Wähler sehr viel häufiger live und vor Ort zu überzeugen, sondern z.B. auch Marken, den echten 1:1-Dialog mit ihrer Zielgruppe zu intensivieren.

Als Unterstützung können in beiden Fällen Hapticals dienen, die greifbar machen, was sonst abstrakt bleibt. Denn Information, die uns fassbar in die Hände gespielt wird, erleichtert den Verständnisprozess, erhöht das Vertrauen und prägt sich besser ein.

Insbesondere wenn es um komplexe Inhalte, abstrakte Werte, nicht fassbare Qualitäten, den Anspruch auf eine Führungsrolle geht, bleibt die technologische Vermittlung weit hinter den Qualitäten einer echten Erfahrung zurück. Denn wir wählen keine Programme, sondern Persönlichkeiten, und wir kaufen nicht von Marken, sondern von Menschen.

 

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Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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