Touch! Der Haptik-Effekt im multisensorischen Marketing - page 7

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Vorwort
Es ist Mittagszeit an einem sonnigen Tag im Mai 1991: Ein wenig nervös stehe ich
[Olaf Hartmann] auf dem „Place de la Monnaie“, dem Platz der Münzen, in einem
Geschäftsviertel von Brüssel. Banker
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, Manager und Angestellte eilen aus ihren Bü-
ros, zielstrebig auf dem Weg zu umliegenden Restaurants. Ein halbes Jahr habe ich
für diesen Moment geübt. Ich bin bereit. Der Hut liegt auf dem Boden, in meiner
Hand halte ich fünf Jonglierbälle und den Startknopf meines Ghettoblasters habe
ich gedrückt: „One, two, three o’clock, four o’clock, rock“, dröhnt es aus den Bo-
xen. Die Bälle kreisen im Rhythmus der Musik vor dem Körper, hinter dem Körper,
über die Schultern, auf die Stirn, über dem Arm und unter dem Bein. Dann das
fulminante Finale: Ich zünde drei Feuerkeulen an. Mit den fauchenden Fackeln male
ich Flammenbilder in die Luft und in einem hohen Bogen landen sie am Ende sicher
in meinen Händen. Das Üben hat sich gelohnt, die Show ging reibungslos über die
Bühne. Verschwitzt und glücklich freue ich mich auf meine Belohnung und werfe
erwartungsvoll einen Blick in den Hut: Doch der Kassensturz lässt meine Illusionen
platzen. Jämmerliche 40 Belgische Franken gähnen mich an, das sind umgerech-
net nicht einmal zwei Deutsche Mark. Ich bin enttäuscht. Was habe ich falsch ge-
macht? An meiner Jonglage liegt es nicht, da bin ich mir sicher. Geld haben die vor-
beieilenden Manager auch in der Tasche. Warum landet das nicht in meinem Hut?
Zwei Tage später: Es ist Samstagabend. Ich stehe nur 400 Meter vom Place de la
Monnaie entfernt in einer Seitenstraße des Grand Place, dem touristischen Zen-
trum Brüssels. Touristen schlendern an mir vorbei, händchenhaltende Pärchen und
sicher auch der eine oder andere Büroangestellte vom Donnerstag. Ich lasse wie-
der Bälle und Fackeln fliegen. Doch diesmal bildet sich schnell eine Traube an Men-
schen um mich herum – sie staunen, jubeln und applaudieren. Ich verneige mich
stolz, schaue in meinen Hut und bin sprachlos: Die gleiche Jonglierschau ist jetzt
nicht mehr zwei, sondern 160 Mark wert. Wie kann das sein?
Schon damals, lange bevor der Verhaltensökonom Daniel Kahneman den Homo
oeconomicus für tot erklärte, dämmerte es mir: Der Preis, den Menschen zu zahlen
bereit sind, hängt nicht vom objektiven Wert einer Leistung ab, sondern von ihrem
wahrgenommenen Wert. Doch was genau prägt diese Wahrnehmung? Unter wel-
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Wir lieben den zweiten Absatz des dritten Artikels unseres Grundgesetzes; ebenso lieben wir
einfache und verständliche Texte. Darumverwendenwir diemännliche Sprachform, wennwir
beide Geschlechter meinen. In diesem Fall: Bankerinnen und Banker.
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