Haptik-Nostalgie?

von Olaf Hartmann am Montag, 27 Juni 2016. Veröffentlicht in Mailing 2.0

“Send me a Postcard!”


Postkartensommer und ihre Soundtracks, gespeichert für vergängliche Ewigkeiten auf den Compilation-Cassetten für den Walkman. Oder gleich instant aus dem Auto- oder Kofferradio. Früher war mehr Sensorik. Die Postkarte gehörte dazu. Nebst prächtiger Briefmarke, versteht sich.

Anfassbarer Augenblick, gespeicherte Erinnerung mit ungezählten Fingerabdrücken vom Autor über den Postbeamten bis hin zur Empfängerin. Oder anders herum. Zum Weiterreichen und Herumzeigen. Korkkarten, Reliefkarten, bestickte, beklebte Exemplare, 3d-Karten, Puzzlekarten, Ausstanzungen, ja sogar welche aus Blech - und natürlich die Mainstream-Armeen milliardenfach abgelichteter Sehenswürdigkeiten. Mit und ohne Umschlag, in allen gängigen Größen und Überformaten – Was ihr wollt …

“Schick mal ne Karte!” Eine Urlaubschiffre. Schon mehr Anforderung denn Bitte, hatte jeder von uns im Urlaubsgepäck, manchmal aufsummiert zu respektabler Quote. Denk an mich, lass mich mitträumen. Von Generationen an Generationen weitergegeben. Musste nicht erklärt werden. Steckte in der eigenen DNA, wo sie sich immer wieder mit Kreativpotential amalgamisierte und Songschreiber und Texter inspirierte.

“Send me a Postcard!” Diese Songzeile geistert bestimmt noch in so manchen Köpfen herum. Abgespeichert in unseren biologischen Soundarchiven, treffen wir etwa auf Shocking Blue, Lemonheads, Texas, Buffalo Tom oder, na klar, James Blunt, die aus der Zeile gleich einen kompletten Song strickten.

Unmöglich, hier einen Überblick der Interpreten aufzurufen, die den Postkartenkode in ihre Lyrik integrierten. Aber ein wenig Nostalgie geht an dieser Stelle nicht fehl. "When I'm Sixty Four" von den Beatles, “Draw The Line” von den Indigo Girls, “Wicker Chair” von den Kings of Leon, "We've Just Begun" von Peter Frampton oder in der negierenden Form des tragischen Nick Drake: "Don't write me no postcard" in "If You Leave Me".

Im britischen Carlisle finden wir die zeitgenössische “Postcard Band”. Und ja, ein Stück weiter nördlich sogar ein Plattenlabel, das die Postkarte zum Namens-P aten bestellte, als 1979 in Glasgow “Postcard Records” aus der Taufe gehoben wurde. Und die gibt es – nach einer pleitebedingten Pause reanimiert – bis zum heutigen Tag.

 

Haptik-Nostalgie?

Bei soviel musikinspiriertem Postkartenambiente – was wurde denn nun aus unserem heißgeliebten Bildkarton? Ist er transzendiert in die Pixelkosmen von Instagram, Facebook, Snapchat & Co? Liegt er auf der Intensivstation auflagenschwächelnder Analogkommunikatoren?

Spiegel Online hat dazu ganz frisch mit Boris Hesse den Geschäftsführer des Lübecker Schöning-Verlags befragt. Und der ist nicht irgendwer in deutschen Postkartengefilden, sondern schlicht der Platzhirsch. Auf sein Verlagshaus entfällt nämlich rund die Häfte der kolportierten 50 Millionen Karten einheimischer Jahresproduktion. Eine stattliche Zahl. Hesse kennt auch den Grund.

21.000 Motive hat der Mann im Angebot, jährlich werden 2.000 neue gesichtet. Hört sich nach Zukunftstauglichkeit an: „Eine handgeschriebene Karte ist Ausdruck der Wertschätzung für den Empfänger. Denn der Schreiber verwendet das Wertvollste, was er hat: nämlich Zeit. Auch vermitteln Postkarten Mini-Geschichten - und Geschichten verbinden Menschen mehr als Objekte.“ Oder auch mehr als digitale Wegwischwelten.

Bei einem jährlichen Printvolumen von 50 Millionen Postkarten alleine in Deutschland liegt die Schlussfolgerung nahe, dass die gute alte Postkarte auch als Marketinginstrument jung geblieben ist.

Mailings als anfassbarer Content haben einen einzigartigen Vorteil: Das Gehirn reagiert intensiver auf Papier-basierten Inhalt, wie u.a. eine Studie der amerikanischen Post mit dem Titel "Enhancing the Value of Mail: The Human Response" aus 2015 nachgewiesen hat.

Wir leben in einem Zeitalter digitaler Enerviertheit, ablesbar an den explodierenden Downloadzahlen von Adblocker-Apps auf unseren mobile Kommunikationsgeräten und unserem flinken Reflex, die Newsletterflut mit einem Kennzeichnen als Spam ein für allemal in den digitalen Orkus zu “verabschieben”.

Die vielgestaltige Postkarte aber, verbunden mit dem multisensorische Erleben persönlicher Botschaften, ist eigentlich nie aus der Mode gekommen.

 

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Über den Autor

Olaf Hartmann

Olaf Hartmann

Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Touchmore, Mitbegründer des Multisense Instituts und Autor von "Touch!", der ersten Beschreibung des Haptik-Effektes im multisensorischen Marketing.

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